Die Premiere der Reihe Flanierende Sonntage fand zur Wintersonnwende statt. Wir trafen uns am Ufer der Rednitz und gingen im langsamen Tempo und in Stille. Schritt für Schritt fand der Atem einen neuen Takt. Es entstand ein gemeinsamer Rhythmus und es öffnete sich ein Raum für das, was schöpferisch in uns und um uns wahrgenommen und zum Ausdruck gebracht werden will.
Forschende Aktivitäten waren Lauschen, kreatives Innehalten und der Mut der Verwunderung. Beim Durchschreiten der sonntäglichen Landschaft richtete sich die Aufmerksamkeit mit allen Sinnen auf verschiedenste Eindrücke wie Wasserklingen von Fluss und Weiher samt Mitbewohnern, Geräusche vorbeifahrender Züge, Rufe und Fluglinien der Vögel, bellende Hunde, Wind auf der Haut, winterliche Baumgestalten mit ihrem Frühlingswunsch, innere Zustände wie unsere Gefühlslandschaften und Stimmungen. Wir bemerkten Verletzungen an Bäumen, Spuren von Pflege oder Vernachlässigung, das veränderte Licht und feine Details der Pflanzenwelt.
Nach dem Gehen kehrten wir im Café des Kulturorts Badstraße ein. In der warmen, entspannten Atmosphäre teilten wir die Erlebnisse des Nachmittags. Aus dem, was draußen im Körper als Stimmung oder Eindruck blieb, wurden Worte. So floss unsere individuelle Wahrnehmung in eine wachsende, gemeinsame Erzählung ein.
Diese einfachen Schritte am Ufer waren die ersten Buchstaben eines neuen Alphabets, mit dem wir unsere Welt zu lesen lernen.
An einem bestimmten Wegpunkt hielt Barbara eine Tafel hoch, an der alle – von Wachstumsstrukturen inspiriert – spontan eine gemeinsame Signatur hinterließen.
Die Zeichnung wirkt wie ein Prozess im Werden: Linien treten auf, begegnen einander, überlagern sich, lösen sich wieder. Nichts erscheint abgeschlossen. Die Form entwickelt sich aus sich selbst heraus – als fortlaufende Abstimmung zwischen Impuls, Widerstand und Antwort. In diesem Gefüge entstehen Konstellationen, die an Präsenzen erinnern. Verdichtete Partien gewinnen eine beinahe körperhafte Qualität, während feinere Linien wie Fühler, Bewegungsbahnen oder Übergänge wirken. Es entsteht der Eindruck, als würden unterschiedliche Wesenheiten kurzzeitig sichtbar, sich annähern, voneinander absetzen und wieder im Feld aufgehen. Die Zeichnung hält diese Erscheinungen in einem prekären Gleichgewicht: zwischen Form und Auflösung, zwischen Individuation und Einbindung. Jede Linie trägt Eigencharakter, und zugleich bleibt sie Teil eines größeren Zusammenhangs. Das Bild organisiert sich nicht um ein Zentrum, sondern als ko-evolvierendes Netzwerk. Spontaneität zeigt sich hier als präzise Sensibilität für das, was sich im Moment formt. Die Hand folgt weniger einem Plan als einem Geschehen. So entsteht eine Spur, in der sich Ko-Kreation artikuliert: als gemeinsames Hervorbringen von Gestalt, in dem sich Sichtbares und Unsichtbares berühren und kurzzeitig Gestalt annehmen.
Klangschale zur Raumöffnung
An ausgewählten Orten kam eine Klangschale zum Einsatz. Der Anschlag der Klangschale bündelte Aufmerksamkeit, synchronisierte die Gruppe und etablierte eine gemeinsame Hörhaltung. Der Ton wirkte als akustische Schwelle zwischen Alltagsmodus und Feldmodus. Er eröffnete ein geteiltes Zeitfenster, in dem Wahrnehmung präziser, langsamer und differenzierter werden durfte.
Feldnotiz: Als wir die Klangschale erstmals unter der Brücke anschlugen, fühlte sich die „Luft“ (der Raum zwischen uns) plötzlich viel dichter an, als sei der Raum selbst ein wahrnehmender Körper mit eigenem Bewusstsein. Wie zufällig woben sich andere Stimmen in den Klangraum unter der Brücke ein: Ein mehrfach ertönender Vogelruf, Hundegebell, Kinderstimmen. Es war ein bezaubernder Augenblick, der uns die Welt plötzlich mit anderen Augen sehen ließ – mitschwingend, verzaubert, staunend, dankbar.
Die Erzählung aus den Wäldern des Atems einer Stadt beginnt sich zu schreiben
Im Café wärmten wir uns auf, plauschten ein wenig und gönnten uns noch einen kreativen Abschluss: Wir schrieben Zeile für Zeile auf gefaltete Blätter. Nach jeder Zeile wurde das Papier so gefaltet, dass das Vorherige verdeckt war. Dann ging das Blatt weiter. Wer als Nächstes schrieb, kannte den bisherigen Text nicht. Es gab keinen Überblick, keine Abstimmung, keine gemeinsame Absicht – und gerade das war die Methode.
Erstaunlich ist das Ergebnis: Ohne zu wissen, was vorher geschrieben wurde, entstanden unter- und miteinander resonierende Motive. Atem taucht auf, ebenso Grün, Balance, Fluss, Berührung, Raum, Klang, Kälte und Wärme. Zeilen und Bedeutungen verwoben sich, als wären sie aus einem schöpferischen Raum heraus geschrieben worden.
Es geschah durch unser gemeinsames Gestimmtsein: Wir waren gemeinsam am selben Ort, spürten die dieselbe Witterung, gingen denselben Weg, hörten dieselben Geräusche und sahen den gleichen Himmel am gleichen Tag. Die Mitwelt wirkte wie ein stiller Co-Autor.
Jedes Blatt wirkt wie eine kleine, naturgebundene Meditation: Aus Licht und Grün entsteht ein „Wurzelreich“, in dem Vertrauen, Mut und Balance gesucht und geübt werden. Der Körper ist präsent über Atem (ein/aus), Herzchakra, Hände/Füße, Gehen – zugleich öffnet sich ein Beziehungsraum: zu Bäumen (Berühren, Umarmen), zum Fluss (Freundschaft schließen, Plätschern/Rauschen), zur Welt selbst (die in der blauen Stunde „singt“). Das Glück erscheint dabei als zartes, widerständiges Moment im Dazwischen – ein wildes kleines Glück, das begleitet, spiegelt, Fragen auslöst - und schließlich jubiliert.
So bezeugen diese Blätter, was zwischen Menschen und Welt zirkulieren will/kann. Diese gesammelten Worte und Sätze sind der Nährboden für die „Erzählung aus den Wäldern des Atems einer Stadt“. Und sie beginnt sich nun zu schreiben.