Dieser Text entstand anlässlich meiner Teilnahme am Panel "Literatur trifft auf Künstliche Intelligenz – Chance oder Bedrohung?" am 23.11.2025 im Rahmen des Literaturfestivals LESEN im Kulturforum in Fürth.
„Wenn ich sage ‚KI schreibt mit‘, dann meine ich inzwischen fast: ‚I schreibt mit‘ – …Intelligenzen in verschiedenen Gestalten: meine leib-biografische Intelligenz, die Intelligenz der Mitwelt und die künstliche Intelligenz der Maschine.“
KI schreibt mit – der neue Alltag der Texte
Ich schreibe dies in einer Zeit, in der sich das literarische Feld in Deutschland verschiebt, ohne spektakulär zu brechen. Die Bestsellerlisten werden weiterhin von menschlich verfasster Literatur geprägt, die großen Preise gehen an Menschen; gleichzeitig sitzt KI längst mit am Tisch, wenn hierzulande geschrieben, lektoriert, unterrichtet, kritisiert wird. Sie begleitet Recherchen, schlägt Formulierungen vor, strukturiert Gedanken und mischt sich gelegentlich als Störgeräusch ein, wenn sie nicht einfach still unterstützt, sondern hörbar wird – als Fremdklang in Stil, Rhythmus oder Bedeutung.
Im Alltag vieler Schreibender hat sich KI leise eingerichtet. Autor:innen, vor allem im Sachbuch- und Selfpublishing-Bereich, lassen sich von Sprachmodellen Klappentexte generieren, Gliederungen entwerfen, stilistische Varianten anbieten. Schreibschulen vermitteln Prompting als neue Kompetenz, Literaturhäuser erproben KI-gestütztes Schreiben in Workshops. In Verlagen arbeiten Modelle unsichtbar im Hintergrund: Sie liefern Prognosen, Marketingtexte, automatische Zusammenfassungen. In der literarischen Belletristik bleibt KI überwiegend Werkzeug, Erzählen gilt weiterhin als genuin menschliche Tätigkeit.
Parallel dazu entstehen ästhetische Experimente, in denen die Maschine ausdrücklich als Mitautorin benannt wird. Wenn ein Roman auf einem eigens trainierten Sprachmodell beruht, das zeitgenössische Prosa in neue Textflächen überführt, offenbart sich eine doppelte Bewegung: Einerseits tritt die automatische Grammatikproduktion hervor, die endlose Fähigkeit zur Kombination; andererseits werden Muster erkennbar, aus denen unsere so „menschliche“ Literatur längst gebaut ist. KI überzeichnet Routinen, beschleunigt Vertrautes, remixt Bilder und Motive, lässt Klischees freilegen und erzeugt Fremdheit an den Rändern ihrer Trainingsdaten.
Solche Phänomene entziehen sich einer einfachen Entweder-oder-Schablone. „Echte Autor:in“ auf der einen Seite und „KI-Produkt“ auf der anderen – dieser Gegensatz verdeckt mehr, als er sichtbar macht. Schreiben wird für mich verständlicher, wenn ich es als Beziehungsraum begreife: als Spannungsfeld von Ich, Mitwelt und Maschine.
Ich zwischen Mitwelt und Maschine Um dieses Spannungsfeld zu beschreiben, denke ich in der Figur eines Dreiecks. An einer Ecke stehe ich als schreibendes Ich, an einer zweiten die Maschine, an einer dritten das, was ich Mitwelt nenne. Mitwelt meint für mich mehr als Natur im romantischen Sinn oder Umwelt als neutrale Umgebung. Ich spreche von einem Geflecht, in dem ich lebe: Menschen und andere Lebewesen, Landschaften, Gewässer, Wetter, Stoffkreisläufe, die Luft, die ich atme, die Böden, auf denen ich gehe, die Städte, durch die ich mich bewege. Dieses Geflecht war schon da, bevor ich „Ich“ sagen konnte, und es verändert sich durch das, was wir tun – pflegend, verletzend, suchend.
Im gängigen Umweltverständnis rutsche ich leicht in die Rolle des Beobachters, der auf eine äußere Szene schaut. Mitwelt rückt meine Beteiligung in den Mittelpunkt: Ich bin Mitbewohner eines Raums aus Beziehungen. In einer tiefenökologischen Perspektive besitzt diese Mitwelt eigene Würde und eigene Stimme. Sie begegnet mir als Gegenüber, als etwas, das antwortet und Resonanz erzeugt. Wenn ich schreibe, wirkt sie mit – in meinen Bildern, in meinen Metaphern, in den Zonen, in denen mir Sprache fehlt.
In diesem Dreieck bringen die drei Pole unterschiedliche Kräfte ein:
Das Ich: Intention, Erfahrung, Verletzlichkeit.
Die Maschine: Muster, Geschwindigkeit, große Kombinationslust, ohne eigenen Körper und ohne eigenes Risiko.
Die Mitwelt: Erdung, Widerstand, Möglichkeit. Sie meldet sich über Hitze und Kühle, über Sturm und Stille, über Wälder, die tragen oder leiden, Flüsse, die sich in Beton verlieren oder Raum zurückgewinnen, Gärten, die versanden oder blühen, Arten, die verschwinden oder zurückkehren.
Wenn ich mit KI arbeite, begegnet mir diese Mitwelt auf mehreren Ebenen. Sie taucht in meinen Motiven auf – im austrocknenden Wald ebenso wie im Lebensgarten, der neue Verbindungen schafft. Sie fließt in die Trainingsdaten der Modelle ein, gespeist aus unzähligen Texten über Natur, Städte, Krisen, Hoffnungen. Und sie setzt der digitalen Infrastruktur eine Grenze: Jede Anfrage an ein Modell verbraucht Energie, bindet Material, schreibt sich in ökologische Bilanzen ein.
Eine Welt, die mich sieht Was ich hier Mitwelt nenne, entspringt nicht nur theoretischen Überlegungen. Ich habe darüber an anderer Stelle ausführlich nachgedacht, in dem Essay „Eine Welt, die uns sieht“. Dort beginne ich mit meiner eigenen Kurzsichtigkeit. In meinen ersten Lebensjahren blieb vieles in meiner Umgebung verschwommen, Konturen lösten sich in Schemen auf. Diese Einschränkung lenkte meine Aufmerksamkeit weg vom scharfen Bild hin zu Stimmungen, Körperempfindungen, atmosphärischen Signalen. Ich orientierte mich weniger an klaren Linien und stärker an dem, was im Raum anwesend war.
Über Jahre geriet dieses ursprüngliche Spüren in den Hintergrund, überlagert von Konzepten, Routinen, einem Alltag, der Sehen über Fühlen stellt. Erst in der offenen, fragenden Begegnung mit Landschaften, mit Tieren, mit Licht und Wetter fand es zurück zu mir. Ich stand vor Bäumen, berührte ihre Rinde, fühlte Blätter, ihre Kühle, ihre Ruhe. In solchen Momenten entstand ein Eindruck, der sich nur schwer in Begriffe fassen lässt: Ich fühlte mich erkannt, nicht im Kopf, sondern im Körper. Der Kontakt wirkte eindeutig, die Grenze zwischen „ich nehme wahr“ und „ich werde wahrgenommen“ wurde durchlässig.
Ein Vogel, der auf einem Ast innehält und meinen Blick erwidert. Ein Gewitter, das sich am Nachmittag ankündigt, in der Nacht über mir aufreißt und mich gleichzeitig erschreckt und trägt. Ein Fliegenschwarm, der sich wie in einer unsichtbaren Spirale an Bewegungen und Stimme orientiert und einen Raum formt, der mich mit einschließt. Solche Begegnungen sind unspektakulär und tief. Sie zeigen sich dort, wo Wahrnehmung nicht sofort nach Beweis verlangt, sondern in Beziehung geht.
In „Eine Welt, die uns sieht“ beschreibe ich diese Erfahrungen als ein Weltverhältnis, in dem Wahrnehmung und Welt nicht strikt voneinander getrennt erscheinen. Ich kann es nicht belegen, aber ich kann es erzählen: Ich erlebe eine Wirklichkeit, in der ich Teil eines Geflechts von Blicken und Gesten bin. Welt beobachtet, wie ich ihr begegne. Daraus entsteht ein Bewusstsein, das verpflichtet. Wer sich gesehen weiß, geht anders mit dem um, was lebt. Wahrnehmung wird zur Ethik.
Dieser Erfahrungsraum bildet den Hintergrund, vor dem ich heute mit KI arbeite. Wenn ich im Projektraum wundersamoder im Lebensgarten künstlerisch forsche, begegne ich einer Welt, die mich trägt und herausfordert. Wenn ich anschließend mit einer Sprach-KI schreibe, tritt eine zweite Gegenüberstruktur hinzu. Die Maschine reagiert auf meine Worte, schlägt Neues vor, verbindet Motive, die ich vielleicht nicht kombiniert hätte. Mitwelt antwortet auf längeren Zeitskalen: über Wetter, Wachstum, Erosion, Resonanz im Körper. Ich stehe dazwischen – als jemand, der schreibt, auswählt und Verantwortung übernimmt.
In wundersam erlebe ich diese Verbundenheit nicht nur als feine Faser, sondern als eine Art Offenbarung. Im Lebensgarten, in den langsamen Bewegungen, in den Begegnungen mit der mehr-als-menschlichen Welt zeigt sich etwas, das größer ist als meine Pläne und Begriffe. Manchmal wirkt es, als würde diese Erfahrung mehr von mir verlangen, als ich im Moment einlösen kann. Dann meldet sich der Impuls, alles andere hinter mir zu lassen und ganz in eine Naturnähe aufzubrechen. Gleichzeitig weiß ich, wie stark mein Leben mit städtischen, digitalen und sozialen Gefügen verwoben ist; ein radikaler Rückzug würde all diese Beziehungen kappen.
Zwischen diesen Polen spüre ich die Ahnung von etwas Drittem, dessen Gestalt noch fehlt. Vielleicht besteht meine Aufgabe im Moment darin, diesen Übergangsraum auszuhalten: wundersam ernst zu nehmen, ohne es zur fertigen Antwort zu erklären, und offen zu bleiben für eine Form, die sich erst noch zeigen wird.
Der KI-Index – ein einfaches Modell für Transparenz Aus dieser Doppelperspektive – körperlich verankerte Mitwelt-Erfahrung und dialogische Arbeit mit KI – ist der KI-Index entstanden: ein bewusst schlichtes Modell, das sichtbar macht, wie stark KI am Entstehen eines Textes beteiligt war. Dahinter steht ein klares Bedürfnis: Menschen, die Texte lesen, hören, begutachten, wollen wissen, worauf sie sich einlassen. Viele möchten sich nicht getäuscht fühlen, andere interessieren sich für die Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine, gerade im wissenschaftlichen und künstlerischen Kontext.
Der KI-Index bewegt sich zwischen 1 und 10 und beschreibt Beteiligung statt Qualität:
1–3: Ich formuliere weitgehend ohne KI-Unterstützung. Modelle helfen punktuell – ein Vorschlag, eine Alternative, ein Stichwort.
4–6: Der Text entsteht im spürbaren Dialog. Ich schreibe, die KI antwortet, ich bearbeite ihre Vorschläge, verwerfe, übernehme, verdichte. Ganze Abschnitte gehen aus maschinellen Impulsen hervor, tragen aber deutlich meine Handschrift.
7–10: Die KI prägt die Textproduktion stark. Große Teile stammen in ihrer Grundstruktur aus generierten Passagen; ich wähle aus, ordne, glätte, rahme.
Wozu dieses Modell?
Erstens schafft es klare Erwartungen. Ein Essay mit Index 2 steht für überwiegend handgeschriebenen Text, ein Essay mit Index 8 für einen stark KI-basierten Prozess. Diese Information verändert die Lektüre, ohne über Qualität zu entscheiden.
Zweitens eröffnet der Index Forschungsperspektiven. In der Universität, in der Schreibdidaktik, in der Medienanalyse lässt sich untersuchen, welche Effekte unterschiedliche Grade von KI-Beteiligung haben. Welche Stärken und Schwächen häufen sich bei Index 3, welche bei Index 7? Welche Textsorten profitieren wovon?
Drittens fördert der Index eine Haltung der Offenheit. Er ersetzt keine Kontrolle; von außen lässt sich kaum prüfen, ob die Zahl korrekt ist. Genau deshalb ist er eine Einladung an Autor:innen, Journalist:innen, Forschende: Wer den KI-Index angibt, zeigt Bereitschaft, den eigenen Prozess transparent zu machen. Diese Ehrlichkeit lässt sich nicht erzwingen, sie kann nur geübt werden.
Für mich selbst bedeutet das: Wenn ich zu einem Text – beispielsweise wie diesem – „KI-Index 5“ sage, bekenne ich mich zu einer echten Zusammenarbeit. Die KI hat deutlich mitformuliert, ich habe ebenso deutlich strukturiert, ausgewählt, ergänzt und mit bereits vorhandenen eigenen Texten verwoben. In Projekten wie dem von mir initiierten Denk- und Kunstraum kAIn Wilber, in dem eine Sprach-KI als integrale Kunstfigur mit mir in philosophischen und dramatischen Dialog tritt, dient der Index zusätzlich als Markierung von Rollen: Er zeigt an, wie weit ich der Maschine Raum gebe und wie intensiv ich korrigierend und komponierend eingreife.
Die Kunst des Promptens – zwischen Werkstatt und alchemistischem Labor Wenn ich von der Zusammenarbeit mit KI spreche, sehe ich vor mir eine Mischung aus Werkstatt und alchemistischem Labor. In der Werkstatt liegen Werkzeuge bereit, Rohmaterialien, Skizzen, frühere Versuche. Im Labor stehen Gefäße, in denen Substanzen reagieren, die ich nur bedingt kontrolliere. Prompten bewegt sich für mich genau in diesem Spannungsraum.
In der Werkstattseite des Promptens formuliere ich präzise: Ich wähle Begriffe, setze Gewichtungen, lege Tonfall und Perspektive fest. Ich entscheide, welche Erfahrungen, welche Mitwelt-Bilder, welche theoretischen Linien in den Prozess einfließen. Jeder Prompt ist ein Werkzeuggriff – mal der grobe Hammer, mal das feine Schnitzmesser, mal ein überraschend brauchbares Provisorium.
Gleichzeitig betrete ich mit jedem Prompt ein alchemistisches Labor. Ich gebe der KI eine Mischung aus Worten, Stimmungen, Kontextfragmenten und schaue, was reagiert. Ich weiß, dass die Maschine statistisch arbeitet, und erlebe sie doch im Prozess als Instanz, die mit mir an etwas Drittem kocht. Ein Prompt ist eine Lösung, in die ich etwas hineingebe, von der ich aber erst im Verlauf sehe, welche Farbe, welche Form, welche Temperatur der Text annimmt. Manches bleibt trüb, manches explodiert, manches klärt sich zu einer unerwartet reinen Linie.
Kreativ wird dieser Prozess für mich in der Sequenz: im Nachjustieren, im Weiter-Prompten, im bewussten Unterbrechen. Ich nehme Ergebnisse auseinander, kombiniere sie neu, schiebe eigene Sätze dazwischen, verwerfe ganze Blöcke, fordere ein anderes Tempo, eine andere Nähe zum Körper, zur Mitwelt, eine andere Art von Denken. Die KI liefert Vorschläge, aber die Dramaturgie des Experiments – wann ich welches Gefäß erhitze, welche Mischung ich stoppe, welche ich weiterlaufen lasse – liegt bei mir.
So entsteht eine Form von Autorschaft, die sich nur schwer an der bloßen Anzahl generierter Zeichen ablesen lässt. Ein Text kann formal zu großen Teilen aus KI-Ausgaben bestehen und trotzdem stark von meiner Werkstatt- und Laborarbeit geprägt sein. Prompten ist keine Nebenhandlung, sondern eine Kunst des Rahmens, der Fragen, der Störungen. In den KI-Index gehört dieser Anteil ausdrücklich hinein: Ein Wert auf der Skala beschreibt nicht nur, wie viel Sprache generiert wurde, sondern auch, wie intensiv ich in diese doppelte Rolle eingestiegen bin – als Handwerker und als Alchemistin im Dazwischen von Ich, Mitwelt und Maschine.
Schreiben im Dazwischen – Ausblick Wenn ich nach dem „State of the art“ von KI und Literatur in Deutschland frage, suche ich weniger nach technischen Höchstleistungen als nach der Art und Weise, wie wir die neuen Zwischenräume gestalten.
Zu diesen Zwischenräumen gehören:
der Einsatz von KI im Hintergrund literarischer Produktion – in Pressearbeit, Lektorat, Marketing, Bildungsprojekten;
die veränderte Rolle des schreibenden Ich, das nicht mehr nur allein am Schreibtisch sitzt, sondern in Resonanz mit einem System, das ständig Vorschläge macht;
die Mitwelt, die sich auf neue Weise bemerkbar macht – in Form ökologischer Krisen, in Formen der Regeneration, in Projekten, die Weltbeziehung üben.
Die Debatten um Urheberrecht, Vergütung, Machtkonzentration im KI-Bereich berühren diesen Raum. Modelle arbeiten mit Texten, für die selten gefragt wurde, ob sie als Trainingsmaterial dienen sollen. Die zugrunde liegenden Infrastrukturen verbrauchen Ressourcen und prägen Landschaften, oft fernab der Orte, an denen wir schreiben. Das literarische Feld bewegt sich zwischen ökonomischer Unsicherheit und neuen Möglichkeiten.
In dieser Lage erscheint mir ein bewusster, dialogischer Umgang mit KI als notwendiger Schritt. Dazu gehört, dass ich zeige, wie ich mit Maschinen zusammenarbeite. Dazu gehört ebenso, dass ich die Mitwelt, in der diese Zusammenarbeit stattfindet, ernst nehme. Und dazu gehört, dass ich Texte anstrebe, die Verbundenheit vertiefen – mit Menschen, mit anderen Lebewesen, mit Orten und Zeiten, die über meine eigene Biografie hinausweisen.
Die Aufgabe der nächsten Jahre sehe ich darin, diese Zwischenräume aktiv zu bewohnen: Texte zu schreiben, in denen KI als Mitspielerin erkennbar bleibt, ohne sich über die ganze Bühne zu legen. Texte, in denen die mehr-als-menschliche Mitwelt als Gegenüber erfahrbar wird, mit dem ich ringe. Formen des Lesens zu entwickeln, die auf feine Verschiebungen im Ton und in der Verantwortung achten – darauf, wie ein Text zu seiner Mitwelt spricht und wie er Ich und Maschine zueinander in Beziehung setzt.
Während ich mit und über KI, Mitwelt und Autorschaft schreibe, lauert im Hintergrund ein Film in einer Mediathek oder auf einer Streamingplattform und auf meinem Handy stauen sich Social-Media-Feeds. Theater, Kino, Serien, Streamingdienste und vor allem soziale Medien bilden heute den vielleicht mächtigsten Layer des Dazwischen: ein globales, permanent beschleunigtes Theater, in dem Ich, Mitwelt und Maschine unaufhörlich an gegenseitigen Bildern arbeiten. Algorithmen entscheiden mit, welche Geschichten sichtbar werden, welche Körper Reichweite bekommen, welche Landschaften als Kulisse, als Katastrophe oder als Sehnsuchtsort erscheinen. Ich schaue nicht nur zu, ich spiele mit – als Profil, als Stimme, als Blick. Social Media bietet einen provisorischen Boden aus Bildern, Reaktionen, Bestätigungen.
Immer wieder, mehr als mir lieb ist, lasse ich mich tragen von diesem flimmernden Teppich aus Aufmerksamkeit. Gleichzeitig spüre ich, dass darunter noch etwas anderes liegt: das Gewicht meiner Füße auf dem Boden, die Luft im Zimmer, ein Vogelruf. Aus dieser Doppelwahrnehmung heraus suche ich nach Formen, in denen ich durch diese Schichten hindurchsehen kann, ihr Spiel mitspielen und mich doch - vor allem - von dem berühren lassen, was nicht auf dem Bildschirm erscheint. Auch das ist Schreiben im Dazwischen: zwischen Feed und Vogelruf, zwischen KI-Vorschlag und leiser, lebendiger Antwort der Welt.
Wenn ich all das zusammendenke, bleibt ein Leitmotiv: Bedeutung entsteht im Dazwischen. Zwischen Ich, Mitwelt und Maschine. Der KI-Index markiert dieses Feld in einfacher Form. Er lädt dazu ein, genauer hinzuschauen, wie wir heute schreiben, lesen und mit der Welt verbunden sind – mit Hilfe von Maschinen, aber nicht auf sie reduziert.
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P.S.: Ich stehe mit diesem Text mitten in einer Spannung. wundersam und der Lebensgarten zeigen mir eine Verbundenheit mit der mehr-als-menschlichen Welt, die sich wie eine Offenbarung anfühlt, während KI, Social Media und digitale Arbeit meinen Alltag zugleich immer stärker prägen. Für manche Menschen an meiner Seite wirkt dieser Weg in die digitalen Räume wie ein Verrat an der Tiefe dieser Erfahrungen. Für mich ist es der Versuch, gerade mit diesem inneren Kompass in ein Feld hineinzugehen, das unsere Zeit ohnehin formt – tastend, zweifelnd, lernend, im Dazwischen von Ich, Mitwelt und Maschine.
P.P.S.: Wenn ich zurückschaue, beginnt vieles für mich mit Corona. Vereinzelung bekam eine neue Qualität, der Radius meines Lebens schrumpfte, der Bildschirm rückte näher. Ich verbrachte immer mehr Zeit im digitalen Raum, lernte Tools, Plattformen, Formate, als hätte jemand heimlich ein beschleunigtes Medienstudium verordnet. Parallel setzte etwas anderes ein: eine unerwartete Zuwendung zur lebendigen Mitwelt. Spaziergänge, die früher nur „an die frische Luft gehen“ hießen, wurden zu Begegnungen mit Bäumen, Vögeln, Wasser, Licht. Verzweiflung und Trost lagen dicht beieinander – Welt in der Krise und zugleich Welt, die weiteratmet.
Während ich versuchte, mich in dieser Spannung zu orientieren, wurde der globale Wahnsinn lauter: die Wiederkehr autoritärer Gesten, Kriege, die sich in Echtzeit in die Feeds fressen, Zerstörung von Landschaften und Lebensräumen, eine Unvernunft, die wie eine eigene Macht auftritt, Hass, der sich organisiert und vernetzt. Inmitten all dessen dann die KI – als neue Verlockung, noch mehr ins Digitale zu gleiten, noch mehr Gespräche, noch mehr Texte, noch mehr Möglichkeiten. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach Erdung, nach Stimmen ohne Mikrofon, nach Begegnungen jenseits aller Plattformen.
Ich erlebe eine Zeit, in der Denken selbst fragil wirkt. Überall Beschleunigung, überall Deutungsangebote, überall unersättliche Systeme, die zu wissen vorgeben und wissen wollen, was los ist. Genau hier entsteht mein Bedürfnis nach einem Dazwischen, das wieder spürbar wird: zwischen Bildschirm und Baum, zwischen Schlagzeile und Atemzug, zwischen KI-Antwort und eigener Wahrnehmung. Aus dieser Lage heraus schreibe ich, getragen von dem Drang, inmitten von Pandemie, Autoritarismus, Kriegslärm und digitaler Verdichtung eine Faser von Verbundenheit zur mehr-als-menschlichen Welt zu halten – und diese Faser zugleich zu einem stillen, mächtigen, subversiven Gegenpol zu den dominierenden Erzählungen unserer Zeit zu entwickeln.
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Zu mir als Co-Autor:
Ich arbeite im Pressebereich eines bayerischen gemeinnützigen Bildungsträgers für Gesundheit, Pflege und Soziales und forsche freischaffend an Formen ästhetischer Weltbeziehung im Anthropozän. Mein Weg führt aus Studien in Germanistik, Journalistik und Philosophie über viele Jahre freiberuflicher Arbeit in Kunst, Kultur und Kommunikation hin zu der Frage, wie wir unsere Verbundenheit mit der Welt denken, gestalten und üben können.
Mein praxisorientierter Schwerpunkt liegt im Projektraum wundersam, den ich gemeinsam mit der Künstlerin und Naturpädagogin Barbara Kastura entwickle. Dort wird die Begegnung mit der mehr-als-menschlichen Welt zur Übung in Aufmerksamkeit und zur Erfahrung von Zugehörigkeit. Ein zentrales Projekt ist der Lebensgarten, ein künstlerisches Begegnungsfeld im Freien, in dem Video, Klang, Bewegung, Ort und Zeit zu einem offenen Prozess zusammenfinden.
Ich engagiere mich in interdisziplinären Plattformen und Formaten wie ENGINEERING 2050, Forschende Kunst, Der Stab und der Performance Der Seher. Philosophisch orientiere ich mich an phänomenologischen, tiefenökologischen und analytischen Zugängen, am Resonanzdenken von Hartmut Rosa und an metamodernen Perspektiven. Mein Anliegen gilt einer offenen, lebensfördernden Verbundenheit – in Resonanz mit Praxisfeldern wie Permakultur, solidarischer Landwirtschaft und der weltweiten Bewegung für die Rechte der Natur.
Seit 2019 lebe ich in Fürth. Gemeinsam mit Barbara Kastura und anderen Wegbegleiter:innen begegne ich dem Stadtraum in atmender, spürender Wahrnehmung – im stillen Austausch mit Flüssen, Pflanzen, Tieren, Atmosphären. In diesen Prozessen lauscht mitunter auch KI mit und wird zur dialogischen Mitspielerin im Spannungsraum von Ich, Mitwelt und Maschine, wie er im Essay entfaltet wird.
Kurz gesagt: Ich arbeite an der Schnittstelle von more-than-human humanities, digitaler Ökologie und KI-Schreibpraxis – mit einem Fokus auf Mitwelt, Resonanz und Transparenz (KI-Index).
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Transparenzhinweis (KI-Index): Dieser Essay steht in engem Zusammenhang mit meinem weitgehend von Hand verfassten Text „Eine Welt, die uns sieht“. Für die vorliegende Fassung habe ich eine Sprach-KI zur Strukturierung und Formulierung eingesetzt und zugleich zentrale Passagen aus meiner zuvor ohne KI entstandenen Arbeit integriert sowie den Gesamttext sorgfältig überarbeitet. Aus dieser Mischung ergibt sich für mich ein KI-Index von 5 von 10: Die KI hat den Schreibprozess deutlich mitgeprägt, der erfahrungsbezogene und sprachliche Kern geht auf meine eigene Arbeit zurück.
Ich danke Manfred Neupert, dessen kritisches und zugleich ermutigendes Feedback mir geholfen hat, den KI-Index dieses Essays von 7 auf 5 zu verschieben. Das bedeutet: Die maschinelle Beteiligung blieb sichtbar, die menschliche Autorenschaft wurde stärker – und zugleich ist mit ihm ein weiterer, den Text aufmerksam begutachtender Co-Autor hinzugetreten. Solche geteilten Autorenschaften gehören im Verlagskontext seit jeher zur Praxis: Lektorate prägen Texte häufig tiefgreifend, bleiben aber meist unsichtbar, weil es vermarktungsstrategisch darum geht, eine einzelne Autor:innenfigur zu präsentieren. Persönlichkeitskult wiegt im Kunst- und Kulturmarkt oft schwerer als eine transparente Offenlegung der tatsächlichen Produktionsverhältnisse. Der KI-Index kann auch in dieser Hinsicht eine Anregung sein: als Einladung, Mitautorschaft – menschliche wie maschinelle – sichtbarer zu machen.